Der Konrad Lutz Preis.

Ein Gestaltungswettbewerb für Menschen mit HIV und AIDS. Eine Maßnahme, die Tabus brechen soll, eine Initiative gegen das Vergessen und Verdrängen der weltweiten Pandemie. Bildhaft wird vermittelt, was Worte nicht vermitteln können: Ein Leben mit der Immunschwächekrankheit, die einen großen Raum im Bewusstsein von HIV-Positiven und ihrem Umfeld einnimmt.

109 Menschen beteiligten sich unter dem Motto „immer ist jetzt" am VII. Konrad Lutz Preis. Hans Hengelein, AIDS-Koordinator des Landes Niedersachsen und Schwulenreferent des niedersächsischen Sozialministeriums, verlieh am 15. März 2008 den VII. Konrad Lutz Preis im Maritim Hotel Berlin. Dort fanden ausnahmsweise die Münchner AIDS-Tage statt. Es wurden ein erster, ein zweiter , ein dritter und ein Online-Publikums Preis sowie zehn Anerkennungen verliehen. Danach sind die Bilder auf einer Wanderausstellung unterwegs durch ganz Deutschland.


Kommentar Dr. Thomas Werner

Vorsitzender der Geschäftsführung/GlaxoSmithKline GmbH&Co. KG


„‚Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen’, hat Heraklit gelehrt. Und auch man selbst ist nie derselbe, wenn man wieder in den Fluss steigt. Aber was sich niemals ändert: Man steigt jetzt in den Fluss, nicht gestern, nicht morgen. Und in dem Moment, wo ‚jetzt’ vorbei ist, ist jetzt aktuell. Jetzt lebe ich. Zeit ist Illusion. Jetzt ist Ewigkeit.“

Es ist eine große Ehre für den Konrad Lutz Preis, dass uns Prof. Dr. Thomas Mohrs vom Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Passau seine Gedanken zum aktuellen Motto „immer ist jetzt“ mitgeteilt hat. Ebenso wie zahlreiche andere Intellektuelle und Künstler wie die Band 2raumwohnung, die Sänger Konstantin Wecker, Peter Maffay, Joana Zimmer sowie Marianne Rosenberg, der Aktionskünstler Flatz, Moderatorin Arabella Kiesbauer, Starfriseur Udo Walz und Prof. Dr. Michael Bordt, Rektor der Hochschule für Philosophie in München.

Über diesen prominenten Zuspruch freue ich mich ganz besonders, weil der Konrad Lutz Preis dieses Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert. 1998 wurde er von der Deutschen AIDS-Hilfe mit unserer Unterstützung gegründet. Seitdem rufen wir mit unserem heutigen Partner Netzwerk plus HIV-Positive und ihr Umfeld fast jährlich dazu auf, sich an unserem Gestaltungswettbewerb zu beteiligen.

Die große Resonanz auf den Konrad Lutz Preis bestärkt uns darin, dass AIDS nicht nur mit medizinischen Mitteln bekämpft werden kann. Denn AIDS ist als sexuell übertragbare Krankheit noch immer mit Begriffen wie Schuld und Sühne konnotiert. Aufgrund gesellschaftlicher Moralvorstellungen dienen Betroffene als Projektionsfläche für die eigenen Ängste und geraten nur allzu leicht ins soziale Abseits. Diese Moralvorstellungen gilt es mit dem Konrad Lutz Preis aufzubrechen. Die konkrete Auseinandersetzung mit den Gefühlen einzelner Menschen, die im Kunstwerk ausgedrückt werden, beinhaltet gleichzeitig die Loslösung von gängigen Klischees.

Bei GlaxoSmithKline sehen wir uns daher im Bereich HIV/AIDS mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert: als forschender Pharmakonzern setzen wir alles daran, die zur Verfügung stehenden Medikamente sowie das Wissen über ihren optimalen Einsatz kontinuierlich zu verbessern und letztlich das Virus endgültig zu besiegen. Unsere soziale Verantwortung erstreckt sich jedoch auch auf Initiativen wie den Konrad Lutz Preis: Wir möchten dazu beitragen, Stereotypen, also ideologisch eingefärbte Vorurteile über die Immunschwächekrankheit abzubauen. Jetzt – um das Leben jedes einzelnen der weltweit betroffenen Menschen für immer zu verbessern.


Kommentar Claudia Roth

Bundesvorsitzende von
Bündnis 90 / Die Grünen
Schirmherrin des Konrad Lutz Preises


Das Leitmotiv „immer ist jetzt“ ist ein Appell, die Gegenwart zu leben, und das, was uns augenfällig betrifft, nicht einfach zu übergehen. Wir leben im „Jetzt“, auch wenn jeder von uns „Vergangenheit“ hat, eine Geschichte - und einen Ausblick auf Zukunft, gute und schlechte Erfahrungen, Hoffnungen, Ängste.

„Immer ist jetzt“ meint das „wirkliche Leben“ und kein Leben bloß auf Probe, vor dem der kürzlich verstorbene Liedermacher Georg Danzer gewarnt hat: „Die meisten leben ihr Leben auf Probe als könnten’s alles wiederholen, dann kommen’s drauf, dass das nicht wahr ist und fühlen sich um ihr Leben bestohlen“.

„Immer ist jetzt“ meint Engagement, es ist die Aufforderung, jetzt zu handeln, und nicht alles Wichtige ständig aufzuschieben. Das gilt auch für die Politik, denn die HIV/AIDS-Pandemie ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit und erfordert entschiedenes Handeln. Neue Anstrengungen in der internationalen Aufklärung, der Prävention, der Forschung und der medizinischen Hilfe sind dringend nötig, um nicht eine noch größere Katastrophe zu riskieren.

v.l.n.r.: Michael Backmund, Brigitte Jucitis, Michael Gentschy, Ulrike Mucha, Wolfgang Flatz, Holger Wicht, Susanne Bennecke, Robert C. Rore

Michael Backmund
geb.1966
Redakteur der Münchner Abendzeitung
Arbeitet als freier Journalist, Autor und Kurator auch in Kunstprojekten. Setzte sich bereits in den 80er Jahren gegen die Verfolgung und Diskriminierung von HIV-Infizierten durch den Gauweiler-Maßnahmenkatalog ein.

Susanne Bennecke
geb. 1946 Kunsttherapeutin
Schwerpunkte in der Arbeit mit Menschen mit HIV und AIDS, Tumorpatienten und Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten.

Wolfgang Flatz
geb. 1952
Aktionskünstler
Zahlreiche Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen.
Seit 1974 Arbeiten und Projekte in den Bereichen Malerei, Skulptur, Performance, Video, Computer, Film, Fotografie, Theater, Musik, Design, Architektur.

Michael Gentschy
geb. 1956
Verleger
Studium der Theologie und Psychologie. Buchautor und Verleger von Sergej München, Rosa München und diversen Szenepublikationen.

Brigitte Jucitis
geb. 1957
Kunsthistorikerin
Leitung der Fotogalerie Gangart. Lebt heute in München und ist freiberuflich im Kunst-, Kultur- und Kommunikationsbereich tätig.

Ulrike Mucha
Group Product Manager HIV
GlaxoSmithKline GmbH & Co.KG

Robert C. Rore
geb. 1954
freier Maler
Lebt und arbeitet in München.
Portraits, Illustrationen,
Stillleben, Menschenbilder

Holger Wicht
geb. 1971
Print- und TV-Journalist, Moderator
Chefredakteur des Magazins Siegessäule (Berlin)

 

Am 11.Februar 2008 tagten die Jury-Mitglieder, um über die Preisträger und Anerkennungen des VII. Konrad Lutz Preises zu entscheiden. Ihre Wahl war angelehnt an die Kriterien „Umsetzung des Mottos“ und „künstlerische, technisch-malerische Ausführung“.

Besonders erfreulich ist, dass der bekannte Aktionskünstler Wolfgang Flatz und der Münchner Maler Robert C. Rore wieder als Jury-Mitglieder gewonnen werden konnten.

Wolfgang Flatz:
„Ich habe die Anfänge der Aids-Epidemie in den 70er- und 80er-Jahren in New York miterlebt. Seitdem setze ich mich immer wieder in Aidshilfe-Projekten ein. Die Immunschwächekrankheit ist in unserer Wahrnehmung geprägt durch die Nähe von Liebe und Tod. Mit dieser Koppelung setze ich mich auch in meinen Arbeiten immer wieder auseinander“, so der in München lebende Österreicher.

Provokation benutzt Wolfgang Flatz als legitimes Mittel, um Wahrnehmung zu verstärken und so der menschlichen Teilnahmslosigkeit entgegenzuwirken. So posierte er z. B. als nackte Dartscheibe, die vom Publikum mit Pfeilen beworfen werden sollte oder er ließ sich kopfüber als Glockenschwengel an einem Seil aufhängen, um zu Walzerklängen zwischen aufgespannten Metallplatten hin- und her zu knallen. Für das Durchkreuzen herkömmlicher Wahrnehmung nahm Flatz sogar Aufenthalte im Gefängnis und psychiatrischen Kliniken in Kauf.

Robert C.Rore:
„Lassen sich Bilder so einfach begehend begreifen? Eher nicht. Sie brauchen Zeit und man darf nicht zuerst das Bild anschauen, welches am lautesten schreit. Ich tue es dann doch, die lärmenden zuerst – aber dann, es gibt Bilder, so selbstverständlich in ihrer Aussage, ob nun laut oder leise, dass es eine Freude ist, sie anzusehen, sich auf einen Dialog einzulassen und ich ganz überrascht und erstaunt auf die Musik höre, die da zum Klingenkommt. Wenn meine bilderbetrachtende Seele zum Resonanzkörper wird. Ich stelle mir vor, ich hätte dieses oder jenes Bild gemalt, wie hätten sich die Farben für mich angefühlt, wie wären sie unter meinen Händen aufs Papier, die Leinwand gekommen. Ein schönes, intensives Gefühl… Andere Menschen haben andere Seiten, andere Gefühle, sehen dieselben Bilder und hören eine andere Musik.
Ein Wunder , denk ich mir, ein Wunder, dass wir uns von der Jury einigen konnten.“

Uli Meurer zum Dachmotto des VII. Konrad Lutz Preises: „immer ist jetzt“
„Sperrig wirkt das Motto des VII. Konrad-Lutz-Preises, fast dadaistisch; auf jeden Fall widersprüchlich. Erst auf den zweiten Blick wird erkennbar, dass mehr dahinter steckt, dass dies ein Motto für Menschen ist, deren Zeit eine andere Dimension hat.

HIV und AIDS ist leider immer noch eine unheilbare Krankheit, wenngleich sich die Lebenserwartung der Betroffenen durch immer neue Medikamente erheblich verlängert hat. Trotzdem bleibt das Damoklesschwert eines unter Umständen sehr frühen Todes, und auch das längere Leben hat oft den Preis hoher Nebenwirkungen durch die hochwirksamen Medikamente.
Wir alle wissen, dass der Tod die unausweichliche Folge des Lebens ist, haben aber die Hoffnung, dass davor ein langes und erfülltes Leben steht. Der Zeitpunkt des Todes ist weit entfernt, er betrifft uns erst später. Das Wissen um die Zeitlichkeit des Daseins lässt die Zeit in einer neuen Dimension erscheinen. Was ansonsten lange aufgeschoben werden könnte, wird schneller erledigt, Zeit wird kostbar. Das Jetzt ist die neue Dimension, alles verändert sich, vor allem das Tempo des Lebens.
Für Außenstehende ist das oft schwer fassbar. Dies aufzulösen haben sich die TeilnehmerInnen des VII. Konrad-Lutz-Preises zur Aufgabe gestellt. Sie erzählen in ihren Bildern vom Leben mit HIV und AIDS, von der Auseinandersetzung mit einer existenziellen Bedrohung, aber auch von der Lust am Leben und von dem Mut, sich außergewöhnlichen Herausforderungen zu stellen. Die Bilder erzählen von Verlust und Einsamkeit, aber auch von der Kraft der Hoffnung und von gemeinsam erlebter Zeit, einer Gemeinsamkeit, die Betroffene nicht außen stehen lässt.

Immer ist jetzt – ein Motto, das Mut macht, das Leben anzufassen, nicht nur in extremen Situationen.“

  Konrad Lutz
  1955 – 1990
Mit dem Wettbewerb wird Konrad Lutz gewürdigt,
der sich künstlerisch engagiert hat und in Deutschland für die Rechte von Menschen mit HIV und AIDS eingetreten ist.

1978 Erscheinen des Lutz-Films »Angriff auf unsere Demokratie« Aufführung im eigenen Werkstattkino in München

1981 Umzug nach Süditalien

1982 Rückkehr nach München
Gründung der Firma »Biobau«

1983 Insuffizienz beider Nieren
Dialysepatient

1984 Diagnose HIV

1986 Beginn des Engagements in der AIDS-Hilfe

1988 Erscheinen des zweiten Lutz-Films »Coming out« – eine Dokumentation des 2. Europäischen Positiventreffens in München als Reaktion auf Peter Gauweilers Maßnahmenkatalog

1989 Im Dezember Einweisung in ein Göttinger Krankenhaus, nach einem Zusammenbruch Verlegung nach München

1990 Am 3. Februar stirbt Konrad Lutz an den Folgen von AIDS
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